In Florida haben Bildungsbeamte Schulbuchverlage im Sommer 2024 dazu gebracht, Passagen über den Klimawandel abzumildern oder ganz zu entfernen. Das zeigt eine gemeinsame Recherche des Radiosenders WUSF und des Hechinger Report. Betroffen sind Lehrbücher für naturwissenschaftliche Wahlfächer an High Schools, darunter Meeresbiologie und Umweltwissenschaften. Aus „Klimawandel“ wurde an einer Stelle schlicht „Veränderungen in der Umwelt“. Die Enthüllungen fallen in eine Zeit, in der Florida seine naturwissenschaftlichen Bildungsstandards erstmals seit 2008 überarbeitet – mit offenem Ausgang für das Thema Klimawandel.
- Verlage änderten auf Wunsch der Behörde Formulierungen zum menschengemachten Klimawandel.
- Der Begriff „Klimawandel“ wurde teils durch „Veränderungen in der Umwelt“ ersetzt.
- Florida überarbeitet seine Wissenschaftsstandards erstmals seit 2008.
Wie sich der politische Druck jahrelang aufbaute
Der Konflikt entzündete sich nicht erst an den Verhandlungen mit den Verlagen. Unter der Regierung von Gouverneur Ron DeSantis hat sich die Politik nach Darstellung der Recherche zunehmend in Floridas Klassenzimmer geschoben. Der republikanisch geführte Bundesstaat erleichterte es Eltern, Lehrkräfte zu verklagen und Bücher zu verbieten. Gesetzgeber untersagten Maßnahmen zu Diversität, Gleichstellung und Inklusion und schränkten Schutzräume für LGBTQ+-Schüler ein. Im Mai 2024 entfernte DeSantis offiziell Verweise auf den Klimawandel aus den Gesetzestexten des Bundesstaats.
Zum Verständnis: Akademische Standards legen fest, welche Kenntnisse und Fähigkeiten Schüler in jeder Klassenstufe und jedem Fach beherrschen sollen. Die bislang geltenden Standards schreiben vor, dass der menschengemachte Klimawandel in mehreren High-School-Wahlfächern behandelt wird – etwa in Erdkunde, Meeresbiologie und Umweltwissenschaften – und lassen Raum dafür, das Thema auch in anderen Fächern anzusprechen.
Welche Passagen konkret verändert wurden
Die entscheidenden Eingriffe erfolgten 2024 hinter verschlossenen Türen. In der Meeresbiologie des Verlags McGraw Hill hätten Schüler laut Originalentwurf gelesen, dass der Klimawandel mindestens 150.000 Menschen pro Jahr tötet und ein weiteres Grad Celsius Erwärmung diese Zahl verdoppeln würde. Stattdessen heißt es nun, die menschliche Gesundheit werde durch den Anstieg von CO2 beeinträchtigt und ein weiteres Grad Celsius werde die Auswirkungen verstärken.
In einem Umweltwissenschafts-Lehrbuch des Verlags Cengage wurde das Wort „verschmutzend“ vor „Kohlekraftwerke“ gestrichen. Ebenso entfernt wurde ein Verweis darauf, dass Studierende der University of Washington in Seattle dafür gestimmt hatten, höhere Gebühren zu zahlen, damit ihre Hochschule Strom aus erneuerbaren Energien beziehen kann.
„Dies sind keine Änderungen, die nötig waren, um die Lehrbücher an die naturwissenschaftlichen Standards des Bundesstaats anzupassen“, sagte Glenn Branch, stellvertretender Direktor des National Center for Science Education. „Zu fordern, dass die Behandlung des Klimawandels in diesen Büchern abgeschwächt wird, ist sehr ungewöhnlich.“
Was die Verlage und die Behörde dazu sagen
Die Behörden verteidigen ihr Vorgehen. Pressesprecherin Olivia Wester erklärte, die Prüfung von Unterrichtsmaterialien richte sich nach dem Landesrecht, den Regeln des State Board of Education sowie den akademischen Standards Floridas. Ein Sprecher von Cengage sagte, das Unternehmen arbeite mit Bildungsbehörden zusammen, um Lehrbücher an Bildungsstandards anzupassen, „während Qualität und Integrität“ der Inhalte gewahrt blieben. Ausgaben für Florida dürften nicht als Maßstab für Materialien in anderen Bundesstaaten gelten.
Tyler Reed, Kommunikationsdirektor bei McGraw Hill, bezeichnete solche Anfragen von Bildungsbehörden als „routinemäßig“. Ziel der Änderungen sei eine präzisere Terminologie gewesen, während die Realität des Klimawandels weiterhin abgebildet werde. Michael Huber, ein Autor der Meeresbiologie von McGraw Hill, gab an, der Verlag habe ihn über die Bearbeitungen der Florida-Ausgabe nicht informiert.
Was als Nächstes geschieht – und warum das über Florida hinaus zählt
Ungewiss bleibt, ob Floridas überarbeitete Wissenschaftsstandards Klimabildung künftig überhaupt noch vorschreiben. Behördenvertreter reagierten auf wiederholte Nachfragen dazu nicht. Das bedeutet: Sollte das Thema aus den Standards fallen, verlöre es seine verbindliche Grundlage im Lehrplan – mit Folgen für die rund drei Millionen Schüler des Bundesstaats.
Mehrere Lehrkräfte schilderten anonym eine „Kultur der Vorsicht“: Sie dürften den Klimawandel zwar nicht ausdrücklich verschweigen, würden aber von Vorgesetzten dazu angehalten, als „kontrovers“ geltende Themen zu meiden. Der Fall zeigt exemplarisch, wie politische Vorgaben über die Auswahl und Bearbeitung von Schulbüchern indirekt bestimmen können, welches Wissen eine ganze Schülergeneration erreicht.
Sollten wissenschaftliche Themen wie der Klimawandel in Schulbüchern vor politischer Einflussnahme geschützt werden? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.































