Wer künftig ins Flugzeug steigt, muss möglicherweise mit einer neuen Art von Mitreisenden rechnen: selbsternannten Predigern, die die gesamte Kabine ungefragt zu ihrem Publikum machen. Wie die Washington Post berichtet, nutzen vor allem in den USA immer mehr Evangelisten Flüge, um anderen Passagieren ihren Glauben zu verkünden – und filmen die Auftritte anschließend für soziale Medien. Der entscheidende Reiz dabei: An Bord kann niemand weggehen. Die Zuhörer sind buchstäblich ein gefangenes Publikum, was die Prediger selbst offen als Vorteil benennen.
- Selbsternannte Evangelisten predigen laut Washington Post auf Flügen und veröffentlichen die Aufnahmen online.
- Die Prediger wissen nach eigenen Angaben, dass viele Mitreisende die ungefragten Ansprachen ablehnen.
- US-Fluggesellschaften verbieten das Missionieren nicht ausdrücklich, verlangen aber, den Flugbetrieb nicht zu stören.
Eine der Protagonistinnen ist Whitney Lynn, 40, die sich als Evangelistin, Sängerin, Songwriterin und Produzentin aus Orlando beschreibt. Nach eigener Aussage predigt sie auf den meisten ihrer Flüge und filmt die Verkündungen. Ein Anfang des Monats veröffentlichtes Video zeigt sie, wie sie nach der Landung in San Diego etwas mehr als eine Minute lang über das Wetter, Jesus, Sünde, Hölle, Erlösung und den Himmel spricht, während die Passagiere aufs Aussteigen warten. Unter den Clip schrieb sie: „I just love a captive audience“ – sinngemäß: Sie liebe ein Publikum, das nicht weglaufen kann.
Die Prediger berufen sich auf einen göttlichen Auftrag
Lynn gehört nach Angaben der Washington Post keiner bestimmten christlichen Konfession an und hat kein theologisches Seminar absolviert; auf ihrer Website bezeichnet sie sich unter anderem als „deliverance minister“. Ihre Begründung: „Sie haben keine andere Wahl, als die Wahrheit zu hören“, sagte sie über die Mitreisenden. Wer ein Rettungsboot habe, wolle es einem Ertrinkenden reichen.
Auch Brett Raio, 24, ein Musiker und Produzent aus Maine ohne kirchliche Ordination, schilderte der Zeitung seine Motivation. Er spreche nur, wenn er sich von Gott dazu geführt fühle, sagte er, und nehme ernst, dass jeder Mitreisende seinen letzten Tag erleben könnte. „Gott hatte dich für diese eine Gelegenheit dort platziert, und du hast deine Chance verpasst“, beschrieb er den Gedanken, der ihn antreibt.
Widerspruch kommt selbst aus christlichen Reihen
Dass viele Passagiere die ungefragten Predigten ablehnen, ist den Beteiligten bewusst. „Ich wurde beschimpft, angepöbelt, ,halt den Mund‘, ,setz dich hin‘“, berichtete Lynn und erwähnte auch genervte Blicke. Besonders schwierig sei das Publikum bei Reisenden nach Las Vegas, das sie ausdrücklich als „Sin City“ anspreche. In einem Fall rückte demnach sogar die Polizei an, nachdem jemand ihr Predigen an einem Flughafen gemeldet hatte.
Kritik kommt ausgerechnet aus den eigenen Reihen. Der pensionierte Pastor Rodney Kennedy, der im Gegensatz zu Lynn und Raio einen Master in Theologie besitzt, sagte der Washington Post: „Ich habe kein Problem damit, dass Menschen ihren Glauben zum Ausdruck bringen, aber ich finde, das erfordert eine Beziehung, ein Maß an Vertrauen und ein Maß an Erlaubnis.“ Letztlich schrecke ein solches Verhalten eher ab und bestätige bestehende Vorbehalte gegenüber Christen.
Ein Passagier namens Roberts schilderte einen Flug mit der Airline Spirit im vergangenen Jahr, bei dem eine Predigerin nach dem Start mit ihrer Bibel aufstand und Mitreisende segnete – er habe sogar Flüssigkeit gespürt und vermutet, es habe sich um Weihwasser gehandelt, bevor die Kabinenbesatzung sie zurück zum Sitz brachte.
Was die Regeln an Bord hergeben – und was das für Passagiere bedeutet
Nach Recherchen der Washington Post verbietet keine der großen US-Fluggesellschaften das Missionieren ausdrücklich. Sehr wohl verlangen die Airlines aber, dass sich Passagiere angemessen verhalten, den Flugbetrieb nicht stören und den Anweisungen der Crew Folge leisten. In der Praxis heißt das: Ob eine Predigt unterbunden wird, hängt stark davon ab, ob das Kabinenpersonal einschreitet – und das geschieht offenbar nicht immer konsequent.
Für Reisende bedeutet diese Grauzone, dass es keinen klaren Anspruch darauf gibt, von religiöser Ansprache verschont zu bleiben, solange der Ablauf des Fluges nicht erkennbar behindert wird. Neu an dem Phänomen ist vor allem die Rolle der sozialen Medien: Die Auftritte richten sich nicht nur an die wenigen Menschen an Bord, sondern über Plattformen wie TikTok an ein weit größeres Publikum. Damit wird das Flugzeug zur Bühne – und die Reaktion der Mitreisenden zum Bestandteil des Contents.
Wie würden Sie reagieren, wenn auf Ihrem nächsten Flug jemand ungefragt zu predigen beginnt – ignorieren, das Personal rufen oder das Gespräch suchen? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.






























