Wälder gelten als eine der wichtigsten natürlichen Bremsen gegen den Klimawandel. Eine neue internationale Studie lenkt den Blick nun auf die riesigen Wälder Nordeurasiens, die rund 20 Prozent des weltweiten Waldbestands ausmachen. Das Ergebnis überrascht: Nicht die besonders schnelle Erwärmung in kalten Regionen entscheidet darüber, wie viel Kohlendioxid diese Ökosysteme aufnehmen, sondern die Produktivität der Wälder selbst. Die Untersuchung wurde im Fachjournal Global Biogeochemical Cycles veröffentlicht.
- Nordeurasiens Ökosysteme binden jährlich rund 0,47 ± 0,20 Milliarden Tonnen Kohlenstoff.
- Das entspricht nahezu einem Drittel der globalen terrestrischen Kohlenstoffsenke.
- Die stärksten Senken liegen im Westen und Süden, nicht in den am schnellsten erwärmten kalten Nordostgebieten.
Für die Analyse kombinierten die Forschenden Belege aus mehreren voneinander unabhängigen Quellen: Satellitenbeobachtungen, datengestützte Produkte, atmosphärische Inversionsmodelle, dynamische globale Vegetationsmodelle sowie Erdsystemmodelle. Trotz teils erheblicher Unterschiede zwischen den Datenquellen zeigte sich eine breite Übereinstimmung. Demnach nehmen die nordeurasischen Ökosysteme jährlich etwa 0,47 ± 0,20 Milliarden Tonnen Kohlenstoff auf – ein Anteil, der fast einem Drittel der gesamten globalen Kohlenstoffsenke an Land entspricht.
Warum die kältesten Regionen weniger Kohlenstoff binden als erwartet
Lange galt die Annahme, dass eine schnellere Erwärmung die Kohlenstoffsenken in kälteren Regionen stärkt. Die Studie widerspricht dieser Vorstellung. Die stärksten Senken finden sich im westlichen und südlichen Teil Nordeurasiens, während sie in Richtung der kälteren nordöstlichen Gebiete zunehmend schwächer werden.
Gerade diese ausgedehnten, kalten Regionen erleben eine der schnellsten Erwärmungen der Erde. Ihre Wälder sind jedoch in der Regel weniger produktiv und anfälliger für Störungen wie Waldbrände. Hinzu kommt: Ein Großteil der Erwärmung entfällt auf den Winter, wenn gefrorene Böden die Kohlenstoffaufnahme ohnehin begrenzen. Dadurch tragen diese Gebiete vergleichsweise wenig zur Stärkung der gesamten Senke bei.
Die „Bonität“ der Wälder als entscheidender Faktor
Als Erklärung führt die Studie Unterschiede in der Waldproduktivität an – ein Merkmal, das häufig als „Standortqualität“ oder „Bonität“ bezeichnet wird. Produktivere Wälder mit größeren Kohlenstoffvorräten tragen überproportional zur regionalen Senke bei, während weniger produktive Wälder trotz rascher Erwärmung nur eine begrenzte Steigerung zeigen.
Nicht die Erwärmung allein, sondern die Produktivität der Wälder ist demnach ausschlaggebend dafür, wie sich die Kohlenstoffsenke Nordeurasiens unter fortschreitendem Klimawandel entwickeln könnte.
Für die wissenschaftliche Einordnung bedeutet dieser Befund, dass Prognosen zur künftigen Rolle nördlicher Wälder im globalen Kohlenstoffkreislauf die Standortqualität stärker berücksichtigen müssten. Die weitverbreitete Erwartung, dass die Erwärmung kalter Regionen automatisch für mehr CO₂-Aufnahme sorgt, greift laut der Studie zu kurz. Waldregionen unterscheiden sich grundsätzlich darin, wie effektiv sie atmosphärisches Kohlendioxid binden.
Wie schätzen Sie die Rolle der Wälder im Kampf gegen den Klimawandel ein – sollte der Fokus stärker auf gesunden, produktiven Beständen liegen? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.






























