Der Gründer des insolventen chinesischen Immobilienriesen Evergrande, Xu Jiayin, ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das teilte das zuständige Volksgericht mittlerer Instanz in der südchinesischen Stadt Shenzhen am Donnerstag mit. Neben der Haftstrafe entzog das Gericht dem Geschäftsmann, der international auch unter dem kantonesischen Namen Hui Ka Yan bekannt ist, auf Lebenszeit sämtliche politischen Rechte und ordnete die Beschlagnahmung seines gesamten persönlichen Vermögens an. Verurteilt wurde Xu wegen einer langen Liste von Wirtschaftsdelikten, darunter Korruption, Finanzbetrug, Untreue und Unterschlagung. Das Urteil beendet einen jahrelangen Fall, der zum Sinnbild für die Immobilienkrise in China geworden ist.
- Xu Jiayin wurde wegen Betrug, Bestechung und weiterer Wirtschaftsdelikte zu lebenslanger Haft verurteilt.
- Gegen die Evergrande Group und ihre Immobiliensparte wurden Geldstrafen von zusammen 15,82 Milliarden Yuan (rund zwei Milliarden Euro) verhängt.
- Fünf weitere hochrangige Führungskräfte erhielten Haftstrafen zwischen sechs und 18 Jahren.
Nach Feststellung des Gerichts wurden im Konzern zwischen 2016 und 2021 unter Xus Führung wiederholt und in großem Umfang Finanzdaten gefälscht. Das Gericht sprach von „fortlaufend großangelegtem Finanzbetrug und anderen Methoden zur Aufblähung von Vermögenswerten und zur Verschleierung von Schulden“. Xu und die beteiligten Unternehmen hätten sich zudem „durch Bestechung Kontrolle über Finanzinstitutionen verschafft“ und dem Konzern rechtswidrig Kredit- und Versicherungsgelder beschafft. Bei seinem Prozess im April hatte sich Xu schuldig bekannt und Reue gezeigt, wie das Gericht selbst mitteilte.
Milliardenstrafen für den Konzern und lange Haft für Weggefährten
Die Evergrande Group muss laut Urteil 8,82 Milliarden Yuan (umgerechnet rund 1,1 Milliarden Euro) zahlen, gegen die Immobiliensparte Hengda Real Estate wurde eine weitere Geldstrafe von sieben Milliarden Yuan (rund 900 Millionen Euro) verhängt. Zusammen ergibt das rund zwei Milliarden Euro. Neben Xu verurteilten Gerichte in Shenzhen am selben Tag zahlreiche Personen aus dem Umfeld des Konzerns; fünf ranghohe Führungskräfte erhielten Haftstrafen zwischen sechs und 18 Jahren.
Das Gericht betonte, das Handeln von Xu und Evergrande habe „die sozialistische Marktwirtschaftsordnung ernsthaft gestört“ und schweren wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Schaden verursacht. Ermittler in Hongkong und auf dem chinesischen Festland stellten fest, dass Evergrande seine Einnahmen in den Jahren 2019 und 2020 um rund 80 Milliarden Dollar aufgebläht hatte, unter anderem durch das Verbuchen von Immobilienverkäufen vor deren Fertigstellung und Übergabe.
Vom größten Bauträger des Landes zum Symbol der Krise
Evergrande war einst der größte Immobilien- und Bauentwickler Chinas. Der Konzern war dank jahrzehntelanger rasanter Urbanisierung und steigender Lebensstandards massiv gewachsen – finanziert vor allem mit geliehenem Geld. 2009 ging das Unternehmen in Hongkong an die Börse. Die Wende kam 2020, als Peking neue Regeln einführte, um die exzessive Kreditaufnahme hoch verschuldeter Bauträger zu begrenzen. Für Evergrande verschärften sich damit die finanziellen Probleme erheblich, bis der Konzern Ende 2021 bei internationalen Anleihen in Zahlungsverzug geriet.
In seinem bislang letzten Halbjahresbericht wies Evergrande zum 30. Juni 2023 Verbindlichkeiten von 2,39 Billionen Yuan aus – umgerechnet rund 305 Milliarden Euro. Ein Gericht in Hongkong ordnete im Januar 2024 die Abwicklung der dort börsennotierten Konzernholding an, nachdem keine tragfähige Umschuldung gelungen war. Im August 2025 wurde die Evergrande-Aktie schließlich von der Hongkonger Börse genommen.
Was das Urteil für Chinas Wirtschaft bedeutet
Die anhaltende Krise am chinesischen Immobilienmarkt – lange ein zentraler Motor des nationalen Wachstums – belastet die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt schwer. Die Schuldenprobleme von Evergrande und Branchenkollegen wie Country Garden, Vanke und Kaisa haben das Vertrauen vieler Verbraucher erschüttert und potenzielle Käufer von einem Wohnungskauf abgehalten.
Fachleute werten das Urteil als deutliches Signal, dass die Zentralregierung ihren Kurs nicht ändert und den Immobiliensektor nicht mit Staatsgeld retten wird.
Für Unternehmen und Investoren bedeutet das: Wer sich übermäßig verschuldet, kann nicht mit einer Rettung durch den Staat rechnen. Für ein deutsches Publikum ist der Fall auch deshalb relevant, weil China als wichtiger Handelspartner und Absatzmarkt gilt – eine schwächere Binnennachfrage und ein angeschlagener Immobiliensektor dort können die Konjunkturaussichten auch in exportabhängigen Volkswirtschaften wie Deutschland beeinflussen. Als jüngstes Zeichen des Drucks fielen laut offiziellen Daten die Preise für neue Wohnungen im Juli schneller als im Vormonat.
Sehen Sie im Evergrande-Urteil eher ein Zeichen konsequenter Aufarbeitung oder ein Symptom für die tiefere Krise am chinesischen Immobilienmarkt? Teilen Sie Ihre Einschätzung in den Kommentaren.































