In der Forschung zur Gewaltprävention gibt es einen wachsenden Ansatz, den Fachleute als „fürsorgliche Männlichkeit“ (englisch: „caring masculinities“) bezeichnen. Statt nur zu fragen, was Männer unterlassen sollten, richtet dieser Blickwinkel die Aufmerksamkeit darauf, welche Art von Männern eine Gesellschaft hervorbringen möchte. In Australien, wo nach einer weiteren Reihe mutmaßlicher Tötungen von Frauen erneut über Prävention debattiert wird, greift nun ein neuer Report diesen Gedanken auf: Er plädiert dafür, mehr Männer zu Empathie und Fürsorge zu ermutigen – als bislang unterentwickelten Teil der Gewaltprävention, nicht als Ersatz für bestehende Maßnahmen.
- Ein neuer Report aus Australien empfiehlt, Fürsorglichkeit bei Jungen und Männern gezielt zu fördern.
- Der Ansatz versteht sich als Ergänzung, nicht als Ersatz für Schutz, Rechenschaft und Fachdienste.
- Empathie und gleichberechtigte Beziehungen gelten laut Forschung als mit geringerem Gewaltrisiko verbunden.
Der Hintergrund der Debatte ist ernst: Nach mehreren mutmaßlichen Tötungen von Frauen stellt sich Australien erneut vertraute Fragen – wie viele Frauen noch sterben müssen, bevor gehandelt wird, und warum sich diese Gewalt wiederholt. Die unmittelbaren Prioritäten sind dabei klar benannt: gefährdete Frauen schützen, Täter zur Verantwortung ziehen, Fachdienste ausbauen und die zuständigen Systeme stärken.
Warum Fürsorge bislang als „weiblich“ gilt
Fürsorge werde häufig als etwas verstanden, das Frauen tun, heißt es in der Analyse. Feministische Wissenschaftlerinnen kritisieren diese Annahme seit Langem als unfair und gesellschaftlich schädlich: Die Sorge für Kinder, Partner, Freunde und Gemeinschaften sei wesentliche Arbeit, werde aber historisch unterbewertet und überproportional Frauen zugeschrieben.
Männer seien zu Fürsorge ebenso fähig wie Frauen. Das Problem liege darin, dass viele Jungen und Männer noch immer lernten, emotionale Offenheit, Abhängigkeit und Zuwendung als unvereinbar mit Männlichkeit zu betrachten. Männer zu Fürsorge zu ermutigen bedeute deshalb mehr, als Väter zu mehr Zeit mit ihren Kindern zu bewegen: Es gehe darum, über das ganze Leben hinweg Empathie, emotionale Kompetenz und Verantwortung zu fördern.
Was Forschung über Gewaltrisiken zeigt
Diese Eigenschaften seien für die Prävention hochrelevant. Der Report verweist auf Forschung, wonach Männer, die traditionelle Ideale von Dominanz, emotionaler Zurückhaltung und Anspruchsdenken stark befürworten, häufiger Gewalt gegen Frauen ausüben. Umgekehrt würden Empathie, emotionales Bewusstsein und gleichberechtigte Beziehungen mit geringeren Gewaltrisiken in Verbindung gebracht.
Männer, die als fürsorgliche Väter aktiv seien, übten demnach seltener Gewalt gegen Partnerinnen und Kinder aus. Jungen, die mit fürsorglichen, gewaltfreien Vätern aufwüchsen, entwickelten selbst eher respektvolle Beziehungen. Geteilte Sorgearbeit trage zudem zu mehr Geschlechtergleichheit im Haushalt bei – eine der gesellschaftlichen Bedingungen, die mit niedrigerer Gewalt gegen Frauen einhergehen.
Fürsorge allein verhindere keine Gewalt, betont der Report – deren Ursachen seien komplex und in Geschlechterungleichheit, Macht und sozialen Normen verwurzelt.
Ein anderer Blick auf Rechenschaft
Der Ansatz verändere auch das Verständnis von Verantwortung. Täter zur Rechenschaft zu ziehen und die Sicherheit von Betroffenen an erste Stelle zu setzen bleibe unverzichtbar. Rechenschaft müsse sich aber nicht allein auf Strafe oder öffentliche Verurteilung stützen. Neuere Ansätze setzten auf das, was manche Fachleute „mitfühlende Rechenschaft“ nennen: Männer mit Empathie ansprechen und zugleich klarmachen, dass sie für den angerichteten Schaden verantwortlich bleiben. Ziel sei echte Reflexion und dauerhafte Verhaltensänderung statt bloßer Anpassung aus Angst.
Der Report zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der Jungen früh lernen, dass Empathie eine Stärke ist, in der von Vätern Zuwendung ebenso erwartet wird wie das Ernähren der Familie und in der Arbeitsplätze Sorgearbeit als normalen Teil des Männerlebens anerkennen.
Solche Veränderungen kämen laut Analyse nicht nur Frauen zugute, sondern auch Männern selbst, die oft einen hohen Preis für einengende Männlichkeitserwartungen zahlten – etwa durch erschwerte enge Beziehungen und geringere Bereitschaft, Hilfe zu suchen. Fürsorge zu fördern werde Gewalt nicht im Alleingang beenden, so das Fazit, sei aber ein wichtiger Weg zu einer Gesellschaft, in der Gewalt weniger Nährboden findet.































