In einem unscheinbaren Bürokomplex unweit seiner globalen Zentrale in Atlanta entwickelt Coca-Cola derzeit eine ganze Reihe neuer Getränke und Ausgabegeräte. Ziel ist es, den wachsenden Wunsch von Verbrauchern und Gastronomiebetrieben nach individuell anpassbaren Drinks zu bedienen. In den geheim gehaltenen Laboren arbeitet der Konzern unter anderem daran, seine Freestyle-Automaten sogenannte Dirty Sodas mischen zu lassen – eine Kombination aus Limonade mit aromatisiertem Sirup, Sahne oder anderen Zutaten. Gemeinsam mit der Kinokette AMC Theatres testet Coca-Cola zudem einen Micro-Matic-Automaten für bunte Refresher, und weitere sogenannte White-Label-Getränke wie ein nach Farbe und Geschmack anpassbarer Energydrink sind in Vorbereitung.
- Coca-Cola entwickelt in Atlanta Prototypen, die Dirty Soda, Refresher und Kaffee automatisiert ausgeben können.
- Ein Zusatzmodul für Milchprodukte am Freestyle-Automaten soll Dirty Soda ohne Sauerei möglich machen.
- Kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke machen laut Konzern weiterhin 69 Prozent des gesamten Absatzvolumens aus.
Für viele Restaurants sind handgemachte Getränke wie Refresher oder Eiskaffee zu einem wichtigen Hebel geworden, um Kundschaft und Umsatz anzukurbeln – selbst dann, wenn Gäste beim Essen sparen. Im zweiten Quartal dieses Jahres übertrafen die ausgeschenkten Getränkeportionen in Restaurants laut Daten des Marktforschers Circana sowohl die Zahl der reinen Essensportionen als auch die von Essen plus Getränk. Ein Drink bedeutet unterwegs oft mehr als bloße Erfrischung, gerade für die Generation Z.
„Häufig sind diese Getränke eine Gelegenheit, eine Pause zu machen, Energie oder Protein zu tanken, sich etwas zu gönnen – und das zu einem niedrigeren Preis“, sagte David Portalatin, Senior Vice President und Branchenberater bei Circana, dem Sender CNBC.
Große Ketten bauen ihr Getränkeangebot aus, Coca-Cola muss nachziehen
Von McDonald’s bis Wendy’s erweitern langjährige Coca-Cola-Kunden ihr Getränkesortiment, um dem veränderten Konsumverhalten zu folgen und ihre Margen zu steigern. Genau das setzt den Getränkeriesen unter Zugzwang: Wer den Betreibern keine bequemen neuen Optionen liefert, riskiert, Umsätze an die Konkurrenz zu verlieren.
„Es ist unsere Aufgabe sicherzustellen, dass wir einzigartige Erlebnisse und Getränke bieten, denn das ist bei den Verbrauchern kein Bonus mehr – es ist die Norm, sie erwarten es“, sagte Megan Tallman, bei Coca-Cola für das Nordamerikageschäft zuständige Vice President für Ausgabegeräte und Innovation. Die Generation Z sei bereit, zehn US-Dollar (rund neun Euro) für einen Drink zu zahlen, den man sich gönnen und auf Instagram oder TikTok zeigen könne – was den Kunden helfe, Marge und zusätzlichen Getränkeabsatz zu erzielen.
Der Freestyle-Automat wird zur größten Testplattform des Konzerns
Im Juli feierte der Freestyle-Getränkeautomat seinen 17. Geburtstag. Trotz seiner Dutzenden Geschmacksrichtungen bemüht sich Coca-Cola weiter, mit dem Trend Schritt zu halten. Seit seiner Einführung hat der Automat nach Konzernangaben mehr als 67 Milliarden Portionen zu je acht Unzen ausgegeben – und dabei jede einzelne dank Echtzeit-Datenerfassung nachverfolgt.
Diese Daten sind nun besonders wertvoll. Im Equipment Innovation Center in Atlanta zeigt ein riesiger Bildschirm in Echtzeit, welche Getränke gerade im Trend liegen, zu welcher Tageszeit und wo – aufgeschlüsselt nach Region und Art des Betriebs. Das Sprudelwasser AHA etwa liegt in Bürogebäuden und Krankenhäusern im Aufwind. Die Erkenntnisse fließen auch in neue Produkte für den Einzelhandel ein, etwa das zeitlich begrenzte Coca-Cola Orange Cream, das die Marke mit Vanille- und Orangensirup verbindet.
„Wenn wir sehen, dass die Aromen, die wir den Verbrauchern in der Gastronomie anbieten, tatsächlich ankommen – das ist die größte Testplattform, die es gibt“, sagte Tallman.
Warum Dirty Soda für Coca-Cola ein Glücksfall ist
Seit der Einführung des Freestyle ist die Zahl spezialisierter Getränkeketten stark gewachsen. Das Marktforschungsunternehmen Technomic zählt in den USA mehr als 100 verschiedene Ketten mit zusammen über 41.000 Standorten, die vom Kaffee über Saft bis zum Bubble Tea alles verkaufen.
Um Dirty Soda zu automatisieren, hat Coca-Cola einen Prototyp entwickelt, der den klassischen Freestyle-Automaten um ein Milchmodul ergänzt. Die Erfindung des Getränks reklamiert die Kette Swig aus Utah für sich; inzwischen ist der Trend weit verbreitet, von KFC-Restaurants bis in die Regale der Supermärkte. Er hat mitgeholfen, das Image von Limonade zu wandeln – vom müden Massenprodukt hin zum handgemachten Genussmoment.
„Die Generation Z ist die erste Generation, die glaubt, dass nichts, was man konsumiert, neutral ist – alles hilft dir entweder oder kostet dich etwas“, sagte Matthew Greer, Analyst für Lebensmittel und Getränke bei Truist. Herkömmliche Limonade mit ihren 40 Gramm Zucker falle bei diesem Maßstab durch.
Für Coca-Cola ist der Aufstieg der Dirty Soda dennoch ein Gewinn, weil Limonade weiterhin die wichtigste Kategorie des Konzerns ist. Das Geschäft mit kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken, zu dem auch Marken wie Sprite, Schweppes und Fanta gehören, macht nach Unternehmensangaben 69 Prozent des gesamten Absatzvolumens aus. Die Marke Coca-Cola allein stand 2025 laut einer Konzernmeldung für 47 Prozent des weltweiten und 42 Prozent des US-Absatzvolumens.
Der Prototyp für die ausgegebene Dirty Soda arbeitet mit einem vorprogrammierten Rezept, das kaum individuelle Anpassungen erlaubt, dafür aber die Sauerei vermeidet. Er entstand nach Konzernangaben in rund drei Wochen – und behält bewusst die charakteristischen Tropfspuren an der Becherwand bei, die der Dirty Soda ihren typischen optischen Reiz geben.
Weitere Geräte sind in der Pipeline
Neben dem Freestyle testet Coca-Cola auch Micro-Matic-Automaten für „Mixology“-Getränke. Zudem gibt es den Freestyle Mini, der zunächst in Europa eingeführt wurde. Er richtet sich an Bars und Restaurants mit wenig Platz und fasst bis zu 16 Getränkeoptionen – mehr als doppelt so viele wie eine herkömmliche Zapfpistole. Vorgestellt wurde das kleinere Gerät im Frühjahr auf der National Restaurant Association Show in Chicago; an Kunden in den USA verkauft der Konzern es bislang noch nicht.
Würden Sie zehn Dollar für eine Dirty Soda aus dem Automaten ausgeben – oder bleiben Sie lieber bei der klassischen Limonade? Schreiben Sie uns, welche Getränketrends Sie überzeugen.































