Frauen, die im späteren Leben eine reine Östrogentherapie einsetzten, entwickelten seltener eine Demenz und wiesen im Gehirn weniger Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung auf. Das ist das Ergebnis einer großen Studie mit mehr als 21.000 Teilnehmerinnen, die am 12. August 2026 in Neurology erschien, der Fachzeitschrift der American Academy of Neurology. Die Nutzung einer Hormontherapie war mit einer um 39 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit einer Demenzdiagnose verbunden. Die Forschenden weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Daten lediglich einen Zusammenhang zeigen und nicht belegen, dass eine Hormontherapie Demenz verhindern kann.
- Reine Östrogentherapie war mit 39 Prozent geringeren Chancen für eine Demenzdiagnose verknüpft.
- Bei Autopsien zeigten Therapie-Nutzerinnen 35 Prozent seltener Alzheimer-typische Gehirnveränderungen.
- Die Studie zeigt einen Zusammenhang und keinen ursächlichen Beweis; sie umfasste 21.462 Frauen.
Wie die Forschenden vorgingen und wen sie untersuchten
Für die Analyse werteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler medizinische Daten aus zwei großen Datensätzen aus, die zusammen 21.462 Teilnehmerinnen umfassten. In einem Datensatz erhielten 728 Frauen zu Lebzeiten Hirnscans oder Biomarker-Tests. Im anderen wurden 2.959 Frauen nach ihrem Tod – im Durchschnittsalter von 82 Jahren – obduziert, um nach Hinweisen auf eine Alzheimer-Erkrankung zu suchen.
Die Teilnehmerinnen wurden über etwa drei bis fünf Jahre beobachtet, beginnend im Durchschnittsalter von 71 Jahren. Von allen Frauen nutzten 1.953 eine Hormontherapie, 19.509 taten dies nicht. Im Durchschnitt begannen die Nutzerinnen erst nach dem 70. Lebensjahr mit der Behandlung.
Die Auswertung konzentrierte sich ausschließlich auf die reine Östrogentherapie. Frühere Studien hatten nahegelegt, dass eine Kombination aus Östrogen und Progestin das Demenzrisiko erhöhen könnte. Nach heutiger medizinischer Praxis wird eine reine Östrogentherapie ohnehin nur Frauen verordnet, denen die Gebärmutter entfernt wurde – wegen des Risikos für Gebärmutterschleimhautkrebs.
Was die Untersuchung der Gehirne nach dem Tod zeigte
Bei den obduzierten Frauen zeigten jene, die eine Hormontherapie genutzt hatten, seltener Hinweise auf eine Alzheimer-Erkrankung. Die Forschenden bewerteten drei zentrale Merkmale: Amyloid-Beta-Plaques, Tau-Ablagerungen („tangles“) sowie neuritische Plaques, also von geschädigten Nervenzellen umgebene Amyloid-Plaques. Diese Befunde wurden zu einem Gesamtwert zusammengefasst.
Unter den Frauen mit Hormontherapie zeigten 18 Prozent bei der Autopsie keinerlei Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung – gegenüber 10 Prozent bei den Frauen ohne Therapie. Am anderen Ende wiesen 40 Prozent der Therapie-Nutzerinnen alle drei Anzeichen auf, verglichen mit 51 Prozent der Nicht-Nutzerinnen. Nach Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Bildung, Genetik, ethnischer Zugehörigkeit und Bluthochdruck war die Hormontherapie mit einer um 35 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit für Alzheimer-Zeichen im Gehirn verbunden.
Auch Biomarker deuteten auf weniger Amyloid-Ablagerungen hin
Eine gesonderte Analyse von Biomarker-Tests, die zu Lebzeiten erhoben wurden, ergab bei Therapie-Nutzerinnen Amyloid-Werte in Blut und Rückenmarksflüssigkeit, die mit einer geringeren Amyloid-Anhäufung im Gehirn vereinbar sind. Höhere Werte des Amyloid-Beta-Proteins in Blut und Liquor können darauf hindeuten, dass weniger des Proteins als Plaque im Gehirn abgelagert wird. Zudem zeigten die Nutzerinnen seltener Gedächtnisprobleme oder Einbußen bei alltäglichen Fähigkeiten.
Warum die Ergebnisse nicht auf heutige Behandlungen übertragbar sind
Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz; Amyloid-Plaques und Tau-Ablagerungen gelten als ihre charakteristischen Kennzeichen im Gehirngewebe. Für die Einordnung der Studie ist eine zentrale Einschränkung wichtig: Die untersuchten Frauen nutzten die Hormontherapie anders als heute üblich.
Nach heutiger Standardpraxis wird eine Hormontherapie in der Regel Ende 40 bis Anfang 50 begonnen und vor dem 60. Lebensjahr wieder beendet – die Studienteilnehmerinnen begannen dagegen im Schnitt erst mit 70 Jahren.
„Diese Studie hat auf Frauen zurückgeblickt, die vor Jahrzehnten eine Hormontherapie nutzten, wobei sich Zeitpunkt und Art der Anwendung von der heutigen Praxis der meisten Frauen unterscheiden“, sagte Studienautorin Jennifer Bruno von Stanford Medicine. „Die Ergebnisse sind daher informativ, treffen aber möglicherweise nicht auf die heutigen Standards zu.“ Es sei mehr Forschung nötig, bevor Frauen Empfehlungen zur Nutzung dieser Therapien im Zusammenhang mit ihrer Gehirngesundheit gegeben werden könnten.
Für Leserinnen und Leser bedeutet das konkret: Die Studie ist beobachtender Natur und zeigt eine Verknüpfung, keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Sie lässt sich nicht als Aufforderung verstehen, eine Hormontherapie zur Vorbeugung von Demenz zu beginnen. Trotz der Einschränkungen liefere die Untersuchung aber Belege für einen Zusammenhang zwischen einer reinen Östrogentherapie im späteren Leben und günstigeren Werten bei Demenz und Gehirngesundheit, so Bruno. Unterstützt wurde die Arbeit vom National Institute on Aging.
Wie bewerten Sie den Nutzen und die Risiken einer Hormontherapie in den Wechseljahren – und wünschen Sie sich mehr Aufklärung zu ihren möglichen Auswirkungen auf die Gehirngesundheit? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.































