Für junge Berufseinsteiger ist der Start ins Arbeitsleben unbequemer geworden. Die Einstellungszahlen für Einstiegspositionen sind gesunken, der Wettbewerb um die ersten Stellen hat sich verschärft, und das lange verlässliche Versprechen, ein Hochschulabschluss münde reibungslos in eine stabile Karriere, wackelt. Wie stark künstliche Intelligenz diesen Wandel antreibt, ist umstritten: Führende Konzernchefs aus Technologie und Wirtschaft ziehen in der Frage, was KI für die sogenannte Generation Z bedeutet, öffentlich völlig gegensätzliche Schlüsse.
- Stellenanzeigen für Einstiegsjobs sind laut Indeed im vergangenen Jahr um rund sechs Prozent zurückgegangen.
- Anthropic-Chef Dario Amodei warnt, KI könne bis zur Hälfte der Einstiegsjobs im Bürobereich verdrängen.
- Andere Manager, darunter AWS-Chef Matt Garman, halten solche Untergangsszenarien für übertrieben.
Der Begriff der NEETs bezeichnet junge Menschen, die weder in Beschäftigung noch in Ausbildung oder Schulung sind. Für viele in dieser Gruppe sowie für Beschäftigte, die aus Sorge um ihren Job an ihrer Stelle festhalten, ist die zentrale Frage dieselbe: Zerstört KI die unterste Sprosse der Karriereleiter – oder hilft sie beim schnelleren Aufstieg?
Ökonomen führen den Streit auf das Tempo des Wandels zurück
Felix Aidala, Ökonom beim Indeed Hiring Lab, dem Forschungsarm der Jobplattform, ordnet die Uneinigkeit ein: „Ich glaube, ein Großteil der Meinungsverschiedenheit dreht sich um das Tempo, in dem der KI-Wandel stattfindet.“ Die Zahl der Stellenanzeigen für Einstiegspositionen sei bei Indeed im vergangenen Jahr um etwa sechs Prozent gesunken, lasse sich aber keinem einzelnen Faktor zuschreiben. KI, Homeoffice und die gesamtwirtschaftliche Lage dürften alle eine Rolle gespielt haben. Gleichzeitig wüchsen Stellen rund um die Einführung von KI „deutlich“. Historisch, so Aidala, hätten technologische Umbrüche fast immer zu Beschäftigungswachstum geführt – nur brauche das Zeit.
Zwischen Warnung und Entwarnung
Am pessimistischen Ende steht Anthropic-Chef Dario Amodei, der wiederholt erklärt hat, KI könne in den kommenden Jahren bis zur Hälfte der Einstiegsjobs im Bürobereich vernichten. „Wir als Hersteller dieser Technologie haben die Pflicht, ehrlich zu sein über das, was kommt“, sagte er.
Fast das Gegenteil vertritt Matt Garman, Chef von Amazon Web Services. Die Idee, Einstiegskräfte durch KI-Werkzeuge zu ersetzen, nannte er „eine der dümmsten Sachen“, die er je gehört habe. Zwar könne sich die Hälfte der Bürojobs durch KI „verändern“, doch das bedeute nicht, dass sie verschwänden. Junge Beschäftigte seien günstig, lernbereit und ließen sich gut in die Unternehmenskultur einführen: „Sie gehören zu den allerbesten Mitarbeitern, die man haben kann.“
OpenAI-Chef Sam Altman räumte ein, KI habe Einstiegskräfte bislang nicht so schnell verdrängt wie erwartet: „Ich freue mich, dass ich falschlag.“
Auch Netflix-Technologiechefin Elizabeth Stone betonte, man stelle weiterhin Nachwuchskräfte ein – sie seien „wirklich wichtig“. Jüngere Beschäftigte gingen offener mit neuen KI-Technologien um. Google-DeepMind-Chef Demis Hassabis rät jungen Menschen gar, zum KI-„Ninja“ zu werden, und Handshake-Chef Garrett Lord beschreibt technikaffine Absolventen als „AI native“ – der Umgang mit KI sei, als trage man „seinen Iron-Man-Anzug“.
Der Rat der Konzernchefs: Neugier, Anpassung, Eigenverantwortung
Jenseits der KI-Debatte sind sich viele Spitzenmanager in einem Punkt einig: Wer flexibel bleibt, kommt weiter. AMD-Chefin Lisa Su empfahl Absolventen, den schwierigsten Aufgaben nicht auszuweichen: „Lauft auf die härtesten Probleme zu – nicht gehen, laufen –, denn dort liegen die größten Chancen.“ Accenture-Chefin Julie Sweet nennt Neugier ihre „Superkraft“ und betont: „Transparenz schafft Vertrauen.“
Amazon-Chef Andy Jassy, der vor seiner Karriere unter anderem Sportmoderation, Produktmanagement und Investmentbanking ausprobierte, hält den Druck junger Menschen, früh alles im Griff haben zu müssen, für unnötig. Citi-Chefin Jane Fraser, deren zwei Söhne selbst in Finanz und Technik einsteigen, rät zu Widerstandsfähigkeit und dem Mut zu träumen: In einer KI-Welt zähle Urteilsvermögen mehr als das Wissen jeder Antwort. Und McDonald’s-Chef Chris Kempczinski formuliert es unmissverständlich: „Niemand kümmert sich so sehr um deine Karriere wie du selbst.“
Sehen Sie KI eher als Bedrohung für Ihren Berufseinstieg oder als Werkzeug, das Ihnen einen Vorsprung verschafft? Teilen Sie Ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsmarkt in den Kommentaren.






























