Im andalusischen Bergstädtchen Ubrique, eingebettet zwischen zwei Nationalparks, entstehen seit über einem Jahrhundert Lederwaren für den gehobenen Modemarkt – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Bekannt gemacht hat den Ort zuletzt Volkan Yilmaz, der als „Tanner Leatherstein“ auf TikTok und YouTube Luxushandtaschen zerlegt und bewertet. Auf seiner Suche nach Taschen, die seinen strengen Ansprüchen genügen, stieß er immer wieder auf Modelle aus Ubrique. Sein Video über den Ort wurde sein bislang meistgesehenes. Nun steht das „pueblo blanco“ an einem Wendepunkt: Weil immer mehr Marken ihre Fertigung nach Europa zurückholen wollen, wächst der Druck auf die kleine Handwerksstadt.
- Zahlreiche Modemarken lassen ihre Lederwaren im spanischen Ubrique fertigen, darunter DeMellier, Polène, Strathberry und Stow London.
- Viele der von Yilmaz gelobten Taschen liegen im Bereich von 300 bis 500 Pfund (rund 350 bis 580 Euro).
- Eine 2015 gegründete Handwerksschule hat bereits über 600 Menschen aus mehreren Ländern ausgebildet.
Yilmaz, hineingeboren in eine türkische Gerberfamilie, wurde während der Pandemie mit seinen Analysen bekannt. „Wenn Menschen 5.000 Dollar (rund 4.600 Euro) für eine Tasche zahlen, verdienen sie absolut die besten Materialien und Handwerkskunst“, sagt er – und fügt hinzu, dass er das seltener finde, als man erwarten würde. Als er schließlich auf Taschen stieß, die überzeugten, lagen diese meist im vergleichsweise erschwinglichen Bereich von 300 bis 500 Pfund. Die Hersteller: Marken wie DeMellier, das von L Catterton gestützte Polène, das schottische Strathberry sowie Stow London, bei dem Yilmaz später als Miteigentümer und Director of Craftsmanship einstieg. Fast alle Taschen kamen aus Ubrique.
Ein Handwerk, das über Generationen weitergegeben wird
Wer durch Ubrique geht, hört überall das gleichmäßige Klopfen der patacabra – kleiner Holzhämmer, benannt nach ihrer Form, die an ein Ziegenbein erinnert. Mit ihnen setzen die Lederarbeiter Nähte, falten Kanten und formen die Taschen. Früher arbeiteten die Handwerker von früh bis spät in den Werkstätten und nahmen einzelne Stücke mit nach Hause an den Küchentisch, wo mehrere Generationen gemeinsam werkelten. Dieses vererbte Verständnis für das Handwerk mache den Zauber von Ubrique aus, sagt Yilmaz – und sei anderswo kaum zu kopieren.
Während traditionelle Handwerkskünste in Italien oder Großbritannien ums Überleben kämpfen, weil der Nachwuchs fehlt, gilt Ubrique als Ausnahme. Der Ort ziehe Talente auch aus den Nachbarorten an, sagt Adam Bryer, Miteigentümer und Geschäftsführer von Stow London. Bei seinem Unternehmen arbeiten unter anderem seine Frau Mercedes Rojas sowie deren Bruder, Schwester und Schwägerin mit.
Dennoch bleibt die alternde Belegschaft ein Risiko: „Es ist ein Wettlauf“, sagt Bryer. „Unser bester Kunsthandwerker ist Anfang 60, und wir müssen sicherstellen, dass sein Können weitergegeben wird.“
Eine Schule sichert den Nachwuchs
Um die nächste Generation zu sichern, gründeten Handwerker 2015 die Escuela de Artesanos de la Piel, eine von örtlichen Lederbetrieben getragene Handwerksschule. Mehr als 600 Menschen haben sie durchlaufen – nicht nur aus Ubrique oder Spanien, sondern auch aus Italien, Dänemark, Russland, Polen, Vietnam und Teilen Südamerikas. Die Vermittlungsquote liege bei 95 Prozent, sagt Juan Enrique Gutiérrez, Generalsekretär des Unternehmensverbands Empiel. Die Kurse verbänden Praxis und Theorie; Lernende kämen in einem halben Jahr auf rund 500 Stunden Unterricht.
Der Zeitpunkt könnte kaum günstiger sein. Zölle, geopolitische Unsicherheit und Vorschriften zur Rückverfolgbarkeit drängen Marken zu kürzeren, besser kontrollierbaren Lieferketten – und damit zurück nach Europa. Für ein Städtchen wie Ubrique bedeutet das eine große Chance, aber auch eine Zwickmühle: Setzt man auf die effizienten Fließbandmethoden großer Marken oder bewahrt man die langsame, handwerkliche Arbeitsweise, auf der der Ruf des Ortes beruht? Und welche Perspektive bleibt lokalen Marken, wenn internationale Konzerne die Produktionskapazitäten für sich beanspruchen?
Achten Sie beim Kauf einer Tasche darauf, wo und wie sie gefertigt wurde – oder zählt für Sie vor allem der Markenname? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.






























