Die Universität Hiroshima zählt zu den großen Forschungseinrichtungen Japans, an deren Universitätsklinik auch komplexe Krebsoperationen durchgeführt werden. Ein Team der dortigen Graduate School of Biomedical and Health Sciences hat nun untersucht, wie sich die Mundgesundheit auf die Überlebenschancen von Patientinnen und Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs auswirkt. Das zentrale Ergebnis: Wer vor der Operation mehr natürliche Zähne besaß, überlebte im Mittel deutlich länger. Die Studie erschien im Journal of Hepato-Biliary-Pancreatic Sciences und stützt sich auf Daten von 339 Betroffenen, die zwischen 2014 und 2022 operiert wurden.
- Patienten mit 21 oder mehr natürlichen Zähnen überlebten im Mittel 60,7 Monate.
- Bei 20 oder weniger Zähnen lag das mittlere Überleben nur bei 39,1 Monaten.
- Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung anderer Prognosefaktoren bestehen.
Das Duktale Adenokarzinom der Bauchspeicheldrüse (PDAC) gilt als eine der aggressivsten Krebsformen. Selbst nach einer als heilend eingestuften Operation, bei der der Tumor vollständig entfernt wird, ist die Prognose häufig schlecht. Umso mehr suchen Fachleute nach Faktoren, die das individuelle Risiko besser einschätzbar machen.
Ein Zusammenhang mit der Mundgesundheit ist seit Längerem bekannt
Dass die Mundgesundheit mit dem Gesundheitszustand insgesamt zusammenhängt, ist in der Forschung nicht neu. Studien haben Verbindungen zu unterschiedlichen Erkrankungen beschrieben, darunter zu Prognosen bei Darm- und Speiseröhrenkrebs. Auch für die Bauchspeicheldrüse war zuvor ein Zusammenhang zwischen dem Zustand des Mundes und postoperativen Komplikationen berichtet worden. Offen blieb bislang jedoch, ob die Mundgesundheit selbst das Überleben nach der Operation beeinflusst.
Vor dem Eingriff wurden alle Patientinnen und Patienten zahnärztlich untersucht. Bewertet wurden zwei Kriterien: die Zahl der Zähne sowie der Zustand des Zusammenbisses von Prämolaren und Molaren, also der Kontakt zwischen oberen und unteren Backenzähnen. Der Unterschied im Überleben zwischen den beiden Gruppen fiel deutlich aus.
„Ein auffälliges Ergebnis war der große Überlebensunterschied: Patienten mit mehr natürlichen Zähnen überlebten fast zwei Jahre länger als jene mit weniger Zähnen“, sagt Kenichiro Uemura, Associate Professor und korrespondierender Autor der Studie.
Nicht die Kaufunktion, sondern der Gesamtzustand des Körpers
Bemerkenswert ist laut den Forschenden, dass die Kaufunktion selbst – gemessen am Zusammenbiss der hinteren Zähne – nicht eigenständig mit dem Überleben verknüpft war. Das deute darauf hin, dass Zahnverlust mehr sein könnte als ein rein funktionelles Problem. Er könne vielmehr eine über Jahrzehnte angesammelte chronische Entzündung, Gebrechlichkeit, den Ernährungszustand sowie Lebensstilfaktoren widerspiegeln. Uemura fasst es so zusammen: „Der Mund kann die langfristige Widerstandsfähigkeit des Körpers widerspiegeln.“
Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie an einem einzelnen Zentrum mit ausschließlich japanischen Patientinnen und Patienten. Sie zeigt einen statistischen Zusammenhang, nicht aber, dass fehlende Zähne die Prognose ursächlich verschlechtern. Der beobachtete Effekt blieb allerdings auch dann bestehen, als etablierte Prognosefaktoren wie Tumorstadium, Lymphknotenbefall, Schnittränder, Chemotherapie und Ernährungszustand herausgerechnet wurden.
Was das für die Versorgung bedeuten könnte
Für die künftige Behandlung ziehen die Autoren einen vorsichtigen Schluss: Die Prognose könnte nicht allein von der Biologie des Tumors abhängen, sondern auch vom langfristigen körperlichen Zustand und dem Zustand des Mundraums. Sollten sich die Ergebnisse in größeren, internationalen Studien bestätigen, wäre denkbar, dass eine Untersuchung der Mundgesundheit eines Tages Teil der individuellen Risikoeinschätzung und der Betreuung rund um die Operation wird. Ob und wie sich daraus praktische Empfehlungen ableiten lassen, muss weitere Forschung zeigen – die Studie selbst spricht keine solchen aus.
Als nächsten Schritt nennen die Forschenden größere, zentrenübergreifende Untersuchungen sowie eine genauere Erforschung des biologischen Zusammenhangs zwischen Mundbakterien, chronischer Entzündung und dem Fortschreiten von Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Sollte die Mundgesundheit in Zukunft stärker in die Krebsvorsorge und -behandlung einfließen? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.






























