Niagara Falls kennen viele als Naturwunder: Millionen Touristen reisen jedes Jahr an, um die Wasserfälle zu sehen, die zu den volumenreichsten der Welt zählen. Über 3.100 Tonnen Wasser stürzen dort pro Sekunde die Klippen hinab, mitten im ältesten State Park der USA. Doch abseits der Postkartenmotive kämpft die Stadt im Bundesstaat New York seit Jahrzehnten mit einem tiefgreifenden Wandel – und die örtliche High School reagiert darauf mit einem radikal auf Berufe ausgerichteten Unterricht.
- An der Niagara Falls High School müssen alle Schüler bis zur 11. Klasse einen von fünf Berufspfaden wählen.
- Rund ein Drittel der Abschlussjahrgänge verzichtet inzwischen aufs College – vor einem Jahrzehnt war es etwa ein Viertel.
- Die Einwohnerzahl auf der US-Seite ist in 60 Jahren von über 100.000 auf unter 50.000 gesunken.
Ein Beispiel für den neuen Ansatz ist die Abschlussschülerin Ciara Johnson. Ein Jahr lang riss sie in ihrem Baukurs Fliesen heraus, entfernte Wände und baute maßgefertigte Schränke. Gemeinsam mit ihren Mitschülern renovierte sie die frühere Cafeteria-Küche im alten Schulcampus in der Innenstadt – einer Gegend, die heute von leerstehenden Ladenlokalen geprägt ist. Ihre Begeisterung fürs Handwerk entdeckte Johnson, als ihre Klasse im vorletzten Jahr in einem örtlichen Park einen Pavillon betonierte. „Es hat einfach Klick gemacht“, erinnert sie sich.
Vom Industriestandort zur Tourismusstadt
Der Umbau der Schule spiegelt den Wandel der ganzen Region wider. Über sieben Jahrzehnte hinweg schlossen Fertigungswerke, viele Unternehmen verlagerten die Produktion ins günstigere Ausland. Damit verschwanden die Jobs, die einst den lokalen Arbeitsmarkt dominierten – und mit ihnen zahlreiche Familien. Heute ist laut Dawn Cody, Koordinatorin für Beschäftigung und Weiterbildung im Niagara County, die Gastronomie- und Tourismusbranche die größte Industrie der Stadt.
Diese Abhängigkeit vom Tourismus macht die Region anfällig. Während der Pandemie brachen die Besucherzahlen ein. Im vergangenen Jahr führten angespannte Beziehungen zwischen den USA und Kanada zu einem Rückgang der Grenzübertritte aus Kanada nach New York um 21 Prozent – rund 3,4 Millionen Touristen weniger als üblich. Das Niagara Falls USA Visitor Center meldete einen Besucherrückgang von 27 Prozent.
Karrierepfade ab der neunten Klasse
An der Niagara Falls High School werden Schüler bereits ab der neunten Klasse ermutigt, über ihren Berufsweg nachzudenken. Spätestens in der 11. Klasse muss jeder einen von fünf Pfaden wählen – von Wirtschaft und Finanzen bis hin zu Design und Ingenieurwesen. Selbst einzelne Fächer sind auf Berufe zugeschnitten: Es gibt einen Englischkurs namens „Writing for the Workforce“ oder das Wahlfach „Street Law“ für angehende Juristen und Ordnungshüter.
„Wenn wir verstehen, dass nicht jedes Kind fürs College gemacht ist, wird die Zeit an der High School und davor umso wichtiger“, sagte der im Juni pensionierte Superintendent Mark Laurrie. Ihm gehe es darum, den Jugendlichen „eine Karriere zu geben, nicht nur einen Job“ – auch in der Hoffnung, sie in der Stadt und im Bundesstaat zu halten.
Rund ein Drittel der Abschlussjahrgänge an der Schule verzichtet mittlerweile auf ein Studium und geht direkt in den Arbeitsmarkt – deutlich mehr als das etwa ein Viertel vor zehn Jahren.
Ein landesweiter Trend
Der Fall Niagara Falls steht für eine Entwicklung, die viele Kommunen in den USA betrifft. Mehr als die Hälfte aller US-Bezirke verlor zwischen 2010 und 2020 an Bevölkerung, unter anderem wegen sinkender Geburtenraten und strengerer Einwanderungsregeln. Auch die Zahl der Studierenden ging landesweit zurück – um etwa 1,5 Millionen seit 2010 –, während die Studiengebühren stiegen und mehr Familien den Wert eines Abschlusses hinterfragen.
Für Regionen mit rückläufiger Bevölkerung wachse der Druck auf die Schulen, Jugendliche direkt berufsfähig zu machen, erklärt Emily Passias von der Non-Profit-Organisation Advance CTE. Viele Kommunen versuchten bewusst, ihre lokalen Arbeitsmarktbedingungen zu analysieren und junge Menschen auf entsprechende Rollen vorzubereiten.
Der Arbeitsmarktanalyst Timothy Glass verweist auf ein regionales Ungleichgewicht: Das rund 20 Meilen (etwa 32 Kilometer) südlich gelegene Buffalo konnte seinen langen Bevölkerungsschwund durch Zuwanderung stoppen, während Niagara Falls weiter kämpft. Während die kanadische Seite der Fälle wächst, halbierte sich die Einwohnerzahl der US-Seite in 60 Jahren.
Sollten Schulen stärker auf Handwerk und Beruf setzen statt auf ein Studium? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.






























