„Ein Fossil dieses Alters mit einer so klaren Erhaltung seiner Organe ist wirklich ein Weltschatz“, sagt John Long von der Flinders University im australischen Adelaide über einen spektakulären Fund aus China. Beschrieben wurde das rund 245 Millionen Jahre alte Meeresreptil Austronaga minuta von einem internationalen Team aus China, Europa und den USA. Das nahezu vollständig erhaltene Fossil aus der Provinz Yunnan liefert nicht nur das komplette Skelett, sondern erstmals einen detaillierten Blick auf große Teile des Verdauungssystems – Magen, Leber und Darm inklusive. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Science Advances.
- Das Fossil des rund 60 Zentimeter langen Reptils Austronaga minuta wurde 2023 in der chinesischen Provinz Yunnan entdeckt.
- Es zeigt den ältesten bekannten, weitgehend vollständigen Verdauungstrakt eines Reptils.
- Sogar Schuppen einer teilweise verdauten Fischmahlzeit und Spuren von Hämoglobin blieben erhalten.
Long war an der Untersuchung nicht beteiligt, ordnet den Fund aber als herausragend ein. Zugleich verweist er auf eine Einschränkung: Die inneren Organe von Austronaga seien nur zweidimensional erhalten – anders als bei einem 380 Millionen Jahre alten Panzerfisch, den er und seine Kollegen 2022 beschrieben und der als Träger der ältesten bekannten Organe eines Wirbeltiers gilt. „Aber das ist dennoch ein unglaublich gut erhaltenes Fossil“, betont Long.
Ein Reptil, das schwamm wie ein Fisch
Trotz seiner geringen Länge von nur 60 Zentimetern (rund 24 Zoll) besaß das Tier einen auffallend langen Hals und Schwanz. „Das war mit Sicherheit ein guter und wendiger Schwimmer, der vor allem seinen Schwanz zum Schwimmen, seine langen vorderen Flossen zum Steuern und seinen langen Hals zum Fangen von Fischen einsetzte“, erklärt Dr. Stephan Spiekman, Paläontologe am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart und Mitautor der Studie. Anschaulich fügt er hinzu: „Austronaga sah vermutlich ein wenig aus wie eine Eidechse oder ein Krokodil, das versucht, eine Robbe oder ein Otter zu sein.“
Das Bemerkenswerte: Austronaga ist nicht eng mit anderen bekannten Meeresreptilien wie Ichthyosauriern oder Mosasauriern verwandt, sondern gehört zu den Archosauriern – jener Gruppe, zu der auch Krokodile, Dinosaurier und Vögel zählen.
„Wir dachten immer, dass die Anpassung der Archosaurier an das Leben im Meer begrenzt war“, sagt Spiekman. „Doch die Entdeckung von Austronaga zeigt, dass frühe Vertreter dieser Linie bereits komplexe Anpassungen an das Leben in den Ozeanen entwickelt hatten.“
Zur Einordnung der Größe hält sich Spiekman zurück: Da nur ein einziges Exemplar bekannt ist und das Alter des Tieres bei seinem Tod unbekannt bleibt, lasse sich nicht sagen, ob die Art größer wurde. Die Dimensionen seines langhalsigen Verwandten Dinocephalosaurus, des „chinesischen Seedrachen“, der leicht über vier Meter erreichen konnte, dürfte Austronaga aber kaum erreicht haben.
Ein dunkler Fleck zwischen den Rippen
Zwischen den Rippen stießen die Forscher auf eine dunkle Region, die sich bei genauerer Betrachtung als weitgehend intakter Verdauungstrakt erwies. Mithilfe von UV-Fotografie und Massenspektrometrie konnten mehrere Organe erstmals eindeutig identifiziert werden.
„Verglichen mit der hochspezialisierten Körperform von Austronaga wirken die inneren Organe weniger stark verändert“, sagt Dr. Wei Wang, Erstautor der Studie und Meeresreptil-Experte am Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking. „Zu den erhaltenen Organen gehören ein großer, sackförmiger Magen, gefolgt von einer auffällig roten Leber, in der noch Spuren von Hämoglobin nachweisbar sind.“ Dahinter folge ein langer, einfacher Schlauch aus Dünn- und Dickdarm. „Dieses Fossil ist das älteste bekannte Beispiel eines weitgehend vollständigen Verdauungssystems bei einem Reptil.“
Was der Fund über die Evolution verrät
„Während heutige Vögel und Krokodile einen zweiteiligen Magen besitzen, hatte Austronaga nur eine einzige Magenkammer“, erläutert Dr. Nick Fraser von den National Museums Scotland, ebenfalls an der Studie beteiligt. „Das zeigt, dass die Mägen der Archosaurier anfangs recht einfach gebaut waren und sich erst später im Verlauf der Evolution weiterentwickelten.“
Der einfache, gerade Verdauungstrakt ähnele stark dem heutiger fischfressender Reptilien. Für die Wissenschaft bedeutet das: Der Grundbauplan des reptilischen Verdauungssystems hat sich in 245 Millionen Jahren offenbar kaum verändert. Die Studie ist Teil einer umfassenderen Untersuchung der frühen Geschichte moderner Reptiliengruppen und ihrer Vielfalt in den Meeren der Trias-Zeit. Das Fossil befindet sich in Peking.
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