Wer seine Ernährung per Foto-App kontrolliert, verlässt sich möglicherweise auf zu optimistische Zahlen. Eine neue Untersuchung von Forschenden der US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) hat vier populäre, KI-gestützte Kalorienzähler-Apps geprüft und kommt zu einem klaren Ergebnis: Alle vier unterschätzten den Kalorien- und Fettgehalt von Mahlzeiten im Schnitt um rund ein Drittel. Die Resultate sollen bei der Fachtagung NUTRITION 2026 der American Society for Nutrition vorgestellt werden, die vom 25. bis 28. Juli in National Harbor bei Washington, D.C., stattfindet.
- Vier Foto-Apps unterschätzten den Kaloriengehalt im Mittel um 250 bis 345 Kalorien pro Mahlzeit.
- Der Fettgehalt wurde um rund 30 Gramm zu niedrig eingeschätzt.
- Grundlage waren 102 in einer kontrollierten Forschungsküche exakt abgewogene Mahlzeiten.
„Photo-basierte Kalorienzähler-Apps sind sehr beliebt, besonders bei Menschen, die ihre Gesundheit steuern oder abnehmen wollen“, sagt Aaron Hengist, Postdoktorand am National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK), das Teil der NIH ist. „Die Genauigkeit vieler dieser Apps wurde jedoch nicht gründlich untersucht. Unsere Studie hilft, diese Frage zu beantworten.“
So funktioniert die Foto-Messung – und warum sie fehleranfällig ist
Foto-basierte Kalorienerfassung nutzt KI-Bilderkennung, um Lebensmittel auf einem Foto zu identifizieren und die Portionsgrößen zu schätzen. Diese Angaben werden anschließend mit Nährwertdatenbanken abgeglichen, um Kalorien und Nährstoffe zu berechnen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Statt jede Zutat einzeln einzutippen, genügt ein Schnappschuss. Genau diese Bequemlichkeit macht die Apps im Alltag attraktiv – und erklärt, warum ihre Zuverlässigkeit für viele Nutzerinnen und Nutzer relevant ist.
Um die Genauigkeit zu prüfen, griffen die Forschenden auf eine ungewöhnlich präzise Referenz zurück. „Dadurch, dass wir Mahlzeiten aus einer streng kontrollierten Stoffwechselküche verwendet haben, konnten wir die Schätzungen der Apps mit einem exakten Referenzwert vergleichen“, erklärt Hengist. „Ein solcher direkter, hochwertiger Vergleich stand bisher nicht zur Verfügung.“ In dieser metabolischen Forschungsküche werden Zutaten auf 0,1 Gramm genau abgewogen.
102 Mahlzeiten durch vier Apps geschickt
Die Untersuchung ist Teil einer größeren Ernährungsstudie am NIH Clinical Center, die untersucht, wie der Körper Nährstoffe bei einer kohlenhydratarmen (ketogenen) oder einer Standardernährung verarbeitet. Die Forschenden fotografierten 102 dieser Mahlzeiten standardisiert und ließen die Bilder durch die Apps MyFitnessPal, LoseIt!, CalAI und Appediet laufen.
Das Ergebnis: Alle vier Apps unterschätzten den Kaloriengehalt der Mahlzeiten um durchschnittlich 250 bis 345 Kalorien und den Fettgehalt um rund 30 Gramm. Bei MyFitnessPal und LoseIt! fiel die Schätzung für kalorienreichere Mahlzeiten genauer aus als für kalorienärmere. Kohlenhydrate wurden von allen vier Apps konsistenter erfasst als andere Nährstoffe.
„Menschen, die eine Foto-Tracking-App nutzen, ohne die Portionen anzupassen oder die Mengen einzugeben, sollten die Ergebnisse mit Vorsicht genießen“, sagt Hengist.
„Diese Apps neigen dazu, Kalorien zu unterschätzen, besonders aus Fetten. Was jemand tatsächlich gegessen hat, liegt also wahrscheinlich höher als das, was die App anzeigt.“ Die Vorstellung der Befunde übernimmt Olivia Charles, Nachwuchsforscherin am NIDDK.
Besonders bei fettreicher Keto-Kost hakt es
Nach der ersten Auswertung analysierten die Forschenden mehr als 200 weitere Mahlzeiten. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Apps besonders bei Mahlzeiten einer kohlenhydratarmen ketogenen Ernährung Schwierigkeiten haben – vermutlich, weil der höhere Fettanteil solcher Gerichte durchgängig zu niedrig eingeschätzt wird.
Was bedeutet das für den Alltag? Wer sich mit einer solchen App an ein Kaloriendefizit hält, könnte in der Praxis deutlich mehr Energie aufnehmen als angezeigt – ein Effekt, der sich über Wochen summieren kann. Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, die Foto-Funktionen mit klassischeren Methoden der Ernährungserfassung zu kombinieren, um die Genauigkeit im realen Einsatz zu verbessern.
Nutzen Sie eine Foto-Kalorienzähler-App – und passen Sie die geschätzten Werte manuell an? Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren.






























